Videonale.scope #5 (2017)

7.-9. Dezember 2017

Mit Retrospektiven zum Werk von Sharon Lockhart und Kevin Jerome Everson

 

Im Filmclub 813 / Filmpalette / Temporary Gallery, Zentrum für zeitgenössische Kunst

 

Kuratiert von Katrin Mundt

 

Die beiden Künstler*innen, die in der diesjährigen Ausgabe von VIDEONALE.scope gewürdigt werden, verbindet mehr als ihre US-amerikanische Herkunft. Sharon Lockhart (*1964 in Norwood, MA) und Kevin Jerome Everson (*1965 in Mansfield, OH) entwerfen in ihren Filmen Porträts unserer Gegenwart, die auf formal eigenständige Weise dokumentarische, fiktionale und theatrale Traditionen zusammenführen. Sie zeigen uns vorgefundene Orte, die zu Schauplätzen werden, an denen reale Personen agieren, die immer mehr sind als einfach nur "sie selbst". Sie arbeiten mit Inszenierung und Reenactment, erzeugen Dehnungen und Verdichtungen von Zeit und spielen mit der Materialität von Bild, Ton und filmischem Prozess, um Wirklichkeit neu zu erzählen.

 

Sharon Lockhart geht in ihren Filmen von Beobachtungen vorgefundener Handlungen oder Szenen aus – Kinder beim Spiel, Bauern bei der Feldarbeit, Sportlerinnen beim Training, ein Opernpublikum bei der Vorstellung – und verdichtet sie zu filmischen Alltagschoreografien. Ganz deutlich klingen in ihnen die Traditionen von Avantgarde- und ethnografischem Film sowie die des postmodernen Tanzes nach. Durch eine präzise Rahmung, die Verwendung langer, statischer Einstellungen und subtile technische und dramaturgische Eingriffe erzeugt sie Szenen, die uns als Betrachter*innen unmittelbar einbeziehen, auch wenn uns die Orte und Akteur*innen fremd sind. Ihre Werke zeichnen sich durch eine besondere Zeitlichkeit aus, die die Erfahrung des Sehens selbst zum Ereignis macht, und eine Art von Bühnenhaftigkeit, die nicht nur das Sichtbare rahmt, sondern auch das Unsichtbare und Ausgeschlossene immer mit ins Spiel bringt.

 

In einer eigenwilligen filmischen Sprache, in der sich dokumentarische und experimentelle Traditionen mit Einflüssen aus Skulptur und Malerei verbinden, umkreist Kevin Jerome Eversons Werk das Alltagsleben der afroamerikanischen Working Class. Er entwirft Porträts von Personen und Orten, die bei aller Nähe und Intimität der Betrachtung immer auch als ein Spiel mit unterschiedlichen Formen der Inszenierung erkennbar sind. Sein Interesse gilt dabei nicht der Entfaltung einer Erzählung, sondern einzelner Szenen – sowohl vorgefundener als auch orchestrierter. Die Rhythmen der Arbeit, die Ästhetik routiniert vollzogener Alltagsgesten, die Räume und Artefakte, Redeweisen und Akzente seiner Protagonist*innen sowie nicht zuletzt die sichtbaren und unsichtbaren Verwerfungen in den Alltagslandschaften Amerikas verbinden sich in Eversons Filmen zu einem Bildatlas von Gemeinschaften in Bewegung.

 

 

PROGRAMM

 

Donnerstag, 7. Dezember 2017 | Filmclub 813

 

19.30 Uhr Sharon Lockhart

 

Sharon Lockhart: Teatro Amazonas, USA 1999, 35mm,38 min, Courtesy the artist, Arsenal - Institute for Film and Video Art, Berlin and neugerriemschneider, Berlin

 

Teatro Amazonas, USA 1999, 35mm, 38'

 

Vor uns sehen wir ein Publikum, das sich im berühmten Opernhaus von Manaus, Brasilien, versammelt hat. In einer einzigen Einstellung von etwa der Länge jener minimalistischen Chorkomposition von Becky Allen, die dort von (für uns) unsichtbaren Vokalist*innen aufgeführt wird, verwandelt sich das Auditorium in eine Bühne, auf der sich das anonyme Publikum nach und nach zu individuellen Protagonist*innen ausdifferenziert. Die Begegnung mit einer Stadt und ihren Bürger*innen, eine Studie über Repräsentation.

 

 

20.30 Uhr Kevin Jerome Everson 

 

Kevin Jerome Everson: Eason, USA 2016,16mm/digital, 15 min, Courtesy the artist, Trilobite-Arts DAC and Picture Palace Pictures

 

Muhammad Ali spricht vor Fernsehkameras über die Zukunft seiner Kinder; die Augenzeugin eines Mordes beschreibt rückblickend die Ereignisse; ein Basketballtrainer hält vor seinen Spielern eine flammende Motivationsrede; eine Professorin resümiert vor Kolleg*innen die Situation der Schwarzen in Amerika: Die Filme in diesem Programm kreisen um die Frage, wie und wo (innere und äußere) Haltungen angeeignet und weitergegeben werden und wie und wo sie sich artikulieren können. Unterschiedliche filmische Strategien, von der Arbeit mit Found Footage über Reenactment und Inszenierung bis hin zu dokumentarischer Beobachtung, lassen Handlungsräume entstehen und deuten ihre Grenzen an.

 

IFO, USA 2017, 16mm/digital, 10'
Eason, USA 2016, 16mm/digital, 15'
The Citizens, USA 2009, 16mm/digital, 6'
Sugarcoated Arsenic, Kevin Jerome Everson & Claudrena N. Harold, USA 2013, 16mm/digital, 21'
The Release, USA 2013, 16mm/digital, 5'
Ears, Nose and Throat, USA 2016, 16mm/digital, 11'

 

Anschließend Gespräch mit dem Künstler.

 

 

22.00 Uhr Sharon Lockhart

 

Sharon Lockhart: Goshogaoka, USA 1998, 16mm,64 min, Courtesy the artist, Arsenal - Institute for Film and Video Art, Berlin and neugerriemschneider, Berlin

 

Goshogaoka, USA 1998, 16mm, 64'

 

Mehrere Wochen lang hat Lockhart die Trainingsroutinen eines weiblichen Basketballteams in Japan beobachtet, bevor sie sie, unterstützt durch den Choreographen Stephen Galloway, zu sechs zehnminütigen Szenen vor statischer Kamera verdichtete. Sie lassen nicht nur das Tänzerische in alltäglichen Bewegungen sichtbar werden, sondern geben in Gesten und Interaktionen auch die Struktur der Gruppe zu erkennen. Das filmische Bild rahmt die Turnhalle wie eine Bühne, auf der sich Eigenes und Fremdes begegnen, ineinander spiegeln und neu konfigurieren kann.

 

 

Freitag, 8. Dezember 2017 | Filmclub 813

 

19.30 Uhr Kevin Jerome Everson

 

Kevin Jerome Everson: Three Quarters, USA 2015,16mm/digital, 5 min, Courtesy the artist, Trilobite-Arts DAC and Picture Palace Pictures

 

Sechs Filme über Arbeiter*innen und Arbeit, die von der Ernsthaftigkeit und Konzentration beim wiederholenden Einüben und Vollzug von Gesten erzählen, von Arbeit als Performance, die, durch Erfahrung angereichert, nicht nur zunehmende Routine sondern auch Eigenwilligkeit erkennen lässt. Wie beiläufig vermitteln diese Porträts auch eine andere Geografie Amerikas: Architekturen und Landschaften zeigen die Spuren einer sich verändernden Lebens- und Arbeitswelt und unterschiedlicher Strategien, sich in diesen Veränderungen einzurichten. Die Erzählungen der Protagonist*innen sind geprägt von der Erfahrung unterschiedlicher Orte und Umstände, die in Akzenten und Redeweisen nachklingen.

 

American Motor Company, USA 2010, 16mm/digital, 10'
Sound That, USA 2014, 16mm/digital, 12'
Century, USA 2012, 16mm/digital, 6'
Fe26, USA 2014, 16mm/digital, 8'
Three Quarters, USA 2015, 16mm/digital, 7'
Company Line, USA 2009, 16mm/digital, 30'

 

Anschließend Gespräch mit dem Künstler.

 

 

21.00 Uhr Sharon Lockhart

 

Sharon Lockhart: NŌ, USA 2003, 16mm,31 min, Courtesy the artist, Arsenal - Institute for Film and Video Art, Berlin and neugerriemschneider, Berlin

 

Inszenierungen von Körpern vor der Kamera, von Screentests im Studio bis hin zu Raum- und Bewegungsstudien bei der Arbeit und im Spiel: Lockharts erster Film Khalil, Shaun, A Woman under the Influence arbeitet in seinen drei Kapiteln Spielarten des klinisch objektivierenden Blicks und seiner Aneignungen in populären filmischen Genres durch. In einem Hinterhof in Lódz, Polen, entwickelte die Künstlerin gemeinsam mit den Protagonist*innen, einer Gruppe Kinder, mit Podwórka einen Film über die Aneignung eines Orts. Die Beobachtung zweier japanischer Bauern schließlich rückt in NŌ nicht nur das von ihnen bearbeitete Feld als manipulierte Landschaft, sondern auch den Filmkader als bespielbaren Raum ins Bild.

 

Khalil, Shaun, A Woman under the Influence, USA 1994, 16mm, 15'
Podwórka, USA 2009, BluRay, 32'
NŌ, USA 2003, 16mm, 31'

 

 

22.30 Uhr Kevin Jerome Everson

 

Kevin Jerome Everson: The Island of St. Matthews, USA 2013,16mm/digital, 64 min, Courtesy the artist, Trilobite-Arts DAC and Picture Palace Pictures

 

The Island of St. Matthews, USA 2013, 16mm/digital, 64'

 

Eine filmische Annäherung an die Landschaft von Columbus, Mississippi und den nahegelegenen Tombigbee River, der zuletzt 1973 über die Ufer trat und weite Landstriche überschwemmte. Durch den Bau eines Kanals entstand in der Folge jene künstliche Insel, auf die der Filmtitel anspielt. In Gesprächen mit Bewohner*innen, beobachtenden Sequenzen, wiederkehrenden performativen und skulpturalen Motiven und unterlegt mit einem ebenso minimalistischen wie elegischen Soundtrack rekonstruiert Everson jene Region im Süden der USA, aus der seine Familie stammt, von der ihr aber keine materiellen Erinnerungen geblieben sind.

 

 

Samstag, 9. Dezember 2017

 

Filmpalette | 16.00 Uhr Kevin Jerome Everson

 

Kevin jerome Everson: Quality Control, USA 2011, 16mm/digital, 71 min, Courtesy the artist, Trilobite-Arts DAC and Picture Palace Pictures

 

Quality Control, USA 2011, 16mm/digital, 71'

 

Quality Control beobachtet in sieben langen Einstellungen Arbeiter*innen in einer Großwäscherei in Pritchard, Alabama: den Rhythmus der Maschinen, die Choreographien der immer gleichen Handgriffe beim Bügeln, Trocknen, Ändern der Bekleidung, die Kundengespräche und Pausenplaudereien. Ein anachronistisch wirkender Ort, an dem Arbeit noch nach streng tayloristischen Grundsätzen organisiert scheint. Eversons Bewegungsstudien verzeichnen indes nicht die ökonomische, sondern die ästhetische Effizienz der Arbeitsabläufe.

 

 

Temporary Gallery. Zentrum für zeitgenössische Kunst |

19.00 Uhr Werkstattgespräch Kevin Jerome Everson

 

 

Kevin Jerome Everson spricht über Methoden, Materialien und zentrale ästhetische wie thematische Bezugspunkte seiner Arbeit mit Film. Er erläutert Bezüge zu seiner Praxis in anderen Genres wie Skulptur und Fotografie und die Positionierung seiner Arbeit zwischen Kino und Ausstellungsraum.

 

 

Filmpalette | 21.30 Uhr Sharon Lockhart

 

Sharon Lockhart: Lunch Break, USA 2008, BluRay, 84 min, Courtesy the artist, Arsenal - Institute for Film and Video Art, Berlin and neugerriemschneider, Berlin

 

Lunch Break, USA 2008, BluRay, 84'

 

Die Montagehalle der Bath Iron Works, einer Schiffswerft in Maine. Die Kamera bewegt sich in einer kontinuierlichen Bewegung einen engen Korridor entlang, in dem die Arbeiter*innen einzeln oder in Gruppen ihre Mittagspause verbringen. Ein Porträt, basierend auf zehn Minuten 35mm-Film, die in der digitalen Nachbearbeitung auf gut 80 Minuten gedehnt wurden. Ein Film, der fast Fotografie ist und unseren Blick zugleich fesselt und befreit, während sich der Soundtrack in Realzeit entfaltet. Der Film bleibt so in der Schwebe zwischen Realem und Fiktivem, Stillstand und Bewegung. Die unendlich sich dehnende Pause: utopisches Versprechen oder Abgesang auf eine verschwindende Arbeitswelt?

 

 

VERANSTALTUNGSORTE

 

Filmclub 813 e.V.

Kino 813 in der BRÜCKE
Hahnenstr. 6
50667 Köln
U-Bahn 1/3/4/7/9/16/18: Neumarkt

 

Temporary Gallery

Zentrum für zeitgenössische Kunst e.V.
Mauritiuswall 35
50676 Köln
U-Bahn 1/7/12/15: Rudolfplatz

 

Filmpalette
Lübecker Str. 15
50668 Köln
U-Bahn 12/15: Hansaring

 

EINTRITT

 

6 Euro / 4 Euro (ermäßigt)

Kombi-Ticket (2 Scope-Programme) = 10 Euro
Kombi-Ticket (2 Scope-Programme) ermäßigt = 6 Euro

 

Eine Veranstaltungsreihe von:

VIDEONALE.scope wird gefördert von:

 

   

 

In Kooperation mit:

 

 

 

  

 

Courtesy
Filme & film stills Sharon Lockhart, courtesy die Künstlerin, Arsenal - Institut für Film und Videokunst, Berlin und neugerriemschneider, Berlin

 

Filme & film stills Kevin Jerome Everson, courtesy der Künstler, Trilobite-Arts DAC und Picture Palace Pictures